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Energieeffizienz in der Industrie und der Mobilität

Klimaschutzziel 2030? Nur über Abwärmenutzung!

Auf der Hannover Messe 2018 waren sich Vertreter der Bundesregierung und der Energiebranche einig: Die Klimaschutzziele 2030 und die damit verbundene Reduktion des Treibhausgases CO 2 lassen sich nur mit Hilfe der Abwärmenutzung in der Industrie erreichen. Nachdem jetzt offiziell erkannt wurde, dass die selbst gesteckten Klimaschutzziele für 2020 kläglich scheitern werden, gilt es mit allen Mitteln zu verhindern, dass es im Jahr 2030 eine Neuauflage geben wird. Zumal dann ein Scheitern mit erheblichen finanziellen Strafen durch das Pariser Abkommen verbunden sein wird.

Herr Ulrich Benterbusch hat bei der Podiumsdiskussion im Forum Dezentrale Energieversorgung auf der Hannover Messe das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vertreten, Herr Ulf Siebeck den Bundesverband der Erneuerbaren Energie e.V. und Herr Maas das HIC Hamburg Institut Consulting GmbH. Mit auf dem Podium waren als Experten Herr Markus Lintl (Orcan Energy AG), Herr Thomas Schmidmeier (Schmidmeier NaturEnergie GmbH) und Herr Olaf Kebschull (enable energy solutions GmbH).

Prozesswärme nicht mit erneuerbarer Energie herstellbar

Wie ein Gutachten des Hamburg Institutes (HIC) zeigt, ist der Anteil der erneuerbaren Energien in der Prozesswärme, trotz der hohen Förderungen, in den letzten 10 Jahren nicht gestiegen und weist mit nur ca. 5% einen verschwindend geringen Anteil auf. Grund hierfür ist die hohe Temperatur von oft über 1000°C, die in der Industrie benötigt wird und somit nicht mit Technologien wie Wärmepumpen, Solar- oder Geothermie erschließbar ist. Lediglich Biomasse (Bioerdgas) oder EE-Strom können, jedoch oft nur sehr begrenzt, als erneuerbare Energieträger eingesetzt werden. Prozesswärme ist mit 500 TWh jährlich für 20% des Endenergiebedarfes verantwortlich und steigt in den letzten Jahren durch die gute Konjunktur moderat an. Eine Verringerung der Prozesswärme bei geforderter Produktqualität ist nach einhelliger Meinung nur noch „hinter“ dem Komma möglich.

Abwärmenutzung als „Schlüssel“ für die Klimaziele

Die Wärme nach dem Produktionsprozess, auch als Abwärme bezeichnet, bietet vielfältige Möglichkeiten der Nutzung und damit hohe Potentiale der Primärenergie- und CO 2-Einsparung. Aktuell sind die realen Potentiale der Abwärme nur rudimentär abschätzbar. Dazu fehlen den Betrieben oft die Mengen und die tatsächlich maximale nutzbare Temperatur der Abwärme unmittelbar nach dem Prozess, da diese für die Produktqualität keine Rolle spielen. Entsprechend dürftig fallen dazu auch die derzeit durchgeführten Studien aus. Einigkeit unter den Podiumsteilnehmern bestand in dem „sehr großen“ Potential und der gesellschaftlichen Notwendigkeit der effektiven Nutzung der Abwärme.

Anreiz oder Ordnungsrecht

Uneinig ist man jedoch, wie man diese Potentiale erschließt. Während Herr Benterbusch als Vertreter der Bundespolitik auf Förderprogramme und den Umweltgedanken in der Industrie als Maßnahmen hofft, sehen es die Vertreter der Energiebranche anders: Es zählen heute und in Zukunft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur rein „wirtschaftliche“ Aspekte. Investitionen in Abwärmenutzung mit Paybackzeiten von über 3-5 Jahren werden keinen maßgeblichen Einzug in die Industrie halten und damit keinen Beitrag für die Klimaschutzziele leisten können. Eine CO 2-Abgabe, wie in anderen Ländern, oder eine Umlage für Abwärmenutzung, ähnlich der heutigen EEG-Umlage, könnten hier schnell und vor allem technologieoffen die Abwärmenutzung nachhaltig deutlich erhöhen. Ein weiterer diskutierter Ansatz könnte die Verpflichtung von Maßnahmen sein für Firmen, die von der besonderen Ausgleichregelung (BesAR) und damit von der EEG-Umlagefreiheit profitieren. Gerade hier gibt es durch die aktuell europaweit niedrigsten Strombezugskosten keinen wirtschaftlichen Anreiz in solch eine Nutzung zu investieren. Durch die jetzt schon vorgeschriebenen Energiemanagementsysteme (DIN 50001 oder EMAS) könnten die Ermittlung der Abwärmepotentiale und deren Nutzen schnell und einfach umgesetzt und kontrolliert werden. Bedingt man den Erhalt der BesAR an Abwärmenutzung ist sogar die Wirtschaftlichkeit schlagartig gegeben.

Weichen noch in dieser Legislaturperiode

Herr Benterbusch wettet, dass wenn die Weichen nicht noch in dieser Legislaturperiode (ca. 3 Jahre) gestellt werden, Deutschland auch das Klimaschutzziel 2030 verfehlen wird. Deshalb laufen alle Ansätze, ob Anreize und/oder Ordnungsrecht parallel. Zudem können durchaus Auflagen von der EU unabhängig der Bundesregierung auf die Firmen zukommen. Die Industrie sollte daher jetzt schon Maßnahmen durchführen oder zumindest belastbar vorbereiten, damit nicht plötzlich eine Lücke zwischen Anforderung und der Realisierung klafft, denn Zeit bleibt keine mehr.

Autor: R. Schnur, gian GmbH